

Spielerische Interventionen
Published in: Form. Zeitschrift für Gestaltung. The European Design Magazine.
"Ich will das große Wort Kunst nicht bemühen. Aber auf Twopoints.Net sind eben freie, spielerische Projekte versammelt: Aktionen ohne Auftraggeber, die zum Mitmachen aufrufen", so Martin Lorenz. Der 27-jährige Grafiker, Mitglied des Frankfurter Büros Hort (hort.org.uk), hat bereits im Rahmen seines zweiten Diploms an der Königlichen Akademie der bildenden Künste in Den Haag twopoints.net entworfen. Unter jener Adresse findet sich eine wohlstrukturierte, bewusst einfach gehaltene Site. Vor grasgrünem Hintergrund informieren drei Textspalten in Deutsch, Spanisch und Englisch über aktuelle und zurückliegende Projekte. So fungiert die digitlae Kommunikationsplattform auch als Archiv von Lorenz vergänglichen grafischen Interventionen. Zum Beispiel machte er ein Viertel in Barcelona zur Galerie und die Passanten zum Laufpublikum seiner Vernissage: "Plakatserien" heißt das Projekt. Dreißig gleichformatige Originale brachte er im Stadtraum an, und es zeigte sich bald der kommunikative Nebeneffekt dieser grafischen Form. Die Bewohner von Barcelona nahmen sich auf sehr unterschiedliche Weise seiner Poster an: Sie malten, sprühten und schrieben über sie. Daran, so der Gestalter, zeige sich auch die grafische Sensibilität einer Stadt, und ihre Lebendigkeit.
Bald lud Martin Lorenz befreundete Grafiker und Künstler dazu ein, in den von ihnen bewohnten Städten eigene Motive zu plakatieren. Inzwischen sind online acht urbane Ausstellungen dokumentiert, ein Beweis für die Möglichkeiten, die das Konzept bereithält. Unter Twopoints.Net lassen sich auch die Vorlagen für weitere Posterserien herunterladen: Das betreffende PDF ist ganze 30 DIN-A-4-Seiten lang, auf denen das Datum, der Ausstellungsort und eine Seriennummer eingetragen werden sollen. 30 identische Vorlagen also, aus denen 30 unterschiedliche Originalarbeiten werden könnten. Das ist das Angebot, das Martin Lorenz als Initiator macht. Dass es sich bei dem Format um das herkömmliche DIN-A-4-Format handelt, ist kein Zufall. Lorenz leitete die Frage, was sich ganz ohne Umstände realisieren ließe. Schaut man sich die Online-Dokumentation der bisherigen Posterserien an, zeigt sich das reiche Spektrum des Machbaren. So haben zum Beispiel die unter dem eigenwilligen Namen Feigenbaumpunkt agierenden Gestalter mit Ausschneidungen gearbeitet, durch die besehen das urbane Umfeld mit einem Mal die Details seiner Ästhetischen Erfahrbarkeit preisgibt. Die Zauberworte der Aktion heißen Wiederholung und Variation. Wo der Stadtraum sonst durch gleichförmige Kampagnen dominiert ist, ergeben sich aus der Vervielfältigung und Serialisierung von 30 Plakaten, die für nichts zu werben scheinen, außer für sich selbst, kleine, blitzartige Irritationen. Und das sind die besten.
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